Sonntag, 16. Januar 2011

Frisch gelesen: "Die Nachhut" von Hans Waal

Ein abgebrochener Büchsenöffner öffnet die Tür zum Kulturschock.

Stellen Sie sich das vor: Sie verbringen sechzig Jahre ihres Lebens in einem Bunker.
Mit ausreichender Nahrungsversorgung durch eine Vielzahl unterschiedlichster Konserven.
Aber isoliert von jeglichem Geschehen in der Außenwelt.
Und das in den Jahren von 1944 bis 2004.

Warum Sie das tun sollten?
Weil Sie als 15jähriger - geprägt von der Staatspropaganda der braunen Diktatur und voller jugendlicher Begeisterung - in den letzten Kriegsmonaten eingezogen und gemeinsam mit einigen anderen jungen, unerfahrenen Buben sowie einigen gestandenen Nazioffizieren in diesen Bunker abgeordnet wurden.

Sie bekamen den Befehl, den großräumigen Bunker als Rückzugsraum für denjenigen bereit zu halten, der zur damaligen Zeit von vielen geradezu vergöttert wurde und dem unzählige junge Menschen blind folgten. Nicht wissend, wo er sie hinführen würde.

Und weil der Bunker auch nach dem Krieg unentdeckt blieb, weil er ausgerechnet mitten in einem späteren Bombenübungsplatz lag und weil ausgeschickte Spähtrupps nicht mehr zurückkehrten, wähnten Sie sich all die langen Jahre noch immer im Krieg.
Warum auch nicht: Sie hörten ja immer wieder den Lärm abgeworfener Übungsgranaten- und bomben.
Und Sie folgten - wie auch von Ihren Vorgesetzten, die mit Ihnen im Bunker ausharrten verlangt - einfach ihrem Befehl, die Stellung besetzt und geheim zu halten.
Und wieder erweitert sich meine Büchersammlung 
(vier je dreimal aufgestockte IKEA-Regale) 
um ein weiteres Werk. "Die Nachhut"

Nun sind 60 Jahre vergangen... und Ihr letzter Dosenöffner bricht ab.
Und damit beginnt das Buch.
Vier überlebende Soldaten der Waffen-SS verlassen nach 60 Jahren die Isolation. 
Ohne jegliche Information, was sich seit 1944 geändert hat.
Aber bewaffnet.
Und sie bemerken nichts von Frieden und Demokratie....

Buchausschnitt:

"Rechts und links der Straße zeigen etliche Holzkreuze vom erbitterten Kampf um jeden Meter Heimat. Manche sind mit frischen Blumen, andere mit verwelkten Kränzen oder nassen Teddybären geschmückt. Oft hat man Namen und Daten ins Holz geschnitzt: Vor allem junge Männer leisten immer noch tapfer ihren Blutzoll, die meisten kaum 20 Jahre alt. Offenbar ist es üblich, nur die Vornamen der jungen Helden zu ehren, um ihre Familien vor Terror und Rache der Besatzer zu schützen. Aber was uns am meisten entsetzt: Es sind auch junge Frauen darunter! Sollte der Feind über die vielen Jahre des Krieges dermaßen verroht sein, daß er selbst vor Frauen und halben Kindern nicht zurückschreckt? Oder sind wir selbst schon so ausgeblutet, daß der Volkssturm auf junge Mädchen zurückgreifen muß? Was aber bedeutet dann das scheinbar friedliche Leben der Volksgenossen? Es ergibt keinen Sinn. Ächzt das Land womöglich nur teilweise unter Besatzung? Befinden wir uns nach wie vor im Würgegriff der Fronten oder in der kurzen Atempause einer Waffenruhe? Wir werden es bald - müssen es unbedingt wissen."

Hans Waal schafft in seinem Buch eine äußerst skurrile Situation. 
Geschickt erzählt er seine Geschichte aus den Blickwinkeln dreier unterschiedlicher Figuren seiner Handlung.
Briefe des Fritz von Jagemann - einem der vier Alt-Nazis - reihen sich (fast) nahtlos an die Schilderungen des jungen Journalisten und Kameraassistenten Benjamin Monse sowie der BKA-Neonazi-Exptertin Evelyn Thorwald.
Satirisch setzt Waal feine Spitzen gegen das moderne Establishment und gegen Behörden, die fest der Meinung sind, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Das Buch ist durchaus spannend und dramatisch. Es ist aber auch intelligent, amüsant und lässt den Leser  / die Leserin einen richtig bissigen Humor spüren.
Und doch muss ich letztlich ein wenig leise Kritik anfügen:
Der Autor hätte mehr aus der Geschichte und aus der hervorragenden Idee  hinter der Geschichte machen können. Er führt die Handlung etwas zu zügig zum Ende.
Das ist schade.
Ich hätte gerne noch mehr gelesen.



1 Kommentar:

  1. Das hört sich sehr interessant an. Danke für die Rezension, über dieses Buch wäre ich wohl sonst nicht gestolpert

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