Dienstag, 26. Juni 2012

Nürnberger Impressionen (2)

Szenen einer Ehe?

Das Nürnberger Ehekarussell: Ob es nun  drastisch vulgär und tatsächlich gar "pseudobarocker Sensualismus" ist oder ob es eines der bedeutendsten neuzeitlichen Kunstwerke in der Frankenmetropole ist, sei einmal dahingestellt: 
Ein Touristenmagnet ist der außergewöhnliche Brunnen am Ende der großen Nürnberger Fußgängerzone auf jeden Fall.
Angelehnt an ein Gedicht des Nürnberger Meistersingers Hans Sachs hat der Bildhauer Jürgen Weber ein Werk geschaffen, das bei seiner Installation anno 1984 durchaus die Gemüter erhitzt hat. 
Das Auf und Ab im Eheleben wird in - wie ich doch sehr hoffe - stark überzeichneter Form dargestellt - drum ist das Kunstwerk auch eher mit Humor als mit bierernster Miene zu sehen. 







Soweit die bunte Bilderschar, nun soll auch das Gedicht nicht unerwähnt bleiben, an das sich die Gestaltung des Nürnberger Ehekarussells anlehnt -
der Originaltext des Meistersingers Hans Sachs aus dem 15. Jahrhundert.

Das bittersüße eh'lich' Leben

Gott sei gelobet und geehrt
Der mir ein frumb Weib hat beschert
Mir der ich zwei und zweinzig Jahr
Gehaust hab, Gott gab länger gar

Wiewohl sich in mein ehlig Leben
Had Süß und Saures oft begeben
Gar wohl gemischt von Freud und Leid,
Erst auf, dann ab, ohn Unterscheid

Sie hat mir nit stets kochet Feigen
Will schwankweis Dir ein Teil anzeigen
Sie ist ein Himmel meiner Seel
Sie ist auch oft mein Pein und Hell,

Sie ist mein Engel auserkoren,
Ist oft mein Fegeteufel woren.
Sie ist mein Wünschelrut und Segen
Ist oft mein Schauer und Platzregen

Sie ist mein Mai und Rosenhag,
Ist oft mein Blitz und Donnerschlag,
Mein Frau ist oft mein Schimpf und Scherz,
Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz,

Sie ist mein Wonn und Augenweid,
Ist oft mein Traurn und Herzeleid
Sie ist mein Freiheit und mein Wahl,
Ist oft mein Gfängnis und Notstall,

Sie ist meine Hoffnung und mein Trost,
Ist oft mein Zweifel, Hitz und Frost.
Mein Frau ist meine Zier und Lust,
Ist oft mein Graun und Suppenwust,

Ist oft mein königlicher Saal,
Doch auch mein Krankheit und Spital.
Mein Frau, die hilft mir treulich nähren,
Thut mir auch oft das Mein verzehren,

Mein Frau, die ist mein Schild und Schutz,
Ist oft mein Frevel, Stolz und Trutz.
Sie ist mein Fried und Einigkeit,
Und oft mein täglich Hebensstreit

Sie ist mein Fürsprech und Erlediger,
Ist oft mein Ankläger und Prediger.
Mein Frau ist mein getreuer Freund,
Oft worden auch mein größter Feind,

Mein Frau ist mietsam oft und gütig,
Sie ist auch zornig oft und wütig.
Sie ist mein Tugend und mein Laster,
Sie ist mein Wund und auch mein Pflaster,

Sie ist meines Herzens Aufenthalt,
Und machet mich doch grau und alt.

Hans Sachs, 1494-1576

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