Jörg Aumann will Oberbürgermeister bleiben – trotz der wachsenden Liste an Vorwürfen rund um die Neunkircher Verkehrsgesellschaft (NVG). Das ist politisch mehr als nur erklärungsbedürftig. Es ist ein Fehler. Denn der NVG-Komplex ist längst kein „Betriebsunfall“ mehr, sondern ein Symptom: für fehlende Kontrolle, für ein Klima der Selbstverständlichkeiten und der Kumpanei – und für eine SPD, die längst schon viel zu lange den Eindruck erweckt hat, wegzuschauen, kleinzureden oder auszusitzen.
Worum es in der NVG-Affäre im Kern geht – und warum das keine „Lappalie“ ist
Der Verdacht eines massiven finanziellen Schadens
Die Verfehlungen haben, so eindeutige Medienberichte, längst ein Ausmaß erreicht, das jede Debatte über „Einzelfälle“ beendet: Seit 2012 sollen bei der NVG nahezu drei Millionen Euro als unzulässige persönliche Zulagen an rund 60 Beschäftigte geflossen sein.
Das ist – wenn es sich bestätigt – kein Verwaltungsfehler, sondern ein Systemproblem:
Wer hat das genehmigt? Wer hat es geduldet? Wer hat es kontrolliert?
Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist das alles mit Billigung der Gesellschafter - und insbesondere des derzeit noch amtierenden Oberbürgermeisters der Stadt Neunkirchen geschehen - oder der Oberbürgermeister war nicht fähig und in der Lage, die Situation und das finanzielle Handeln innerhalb der NVG zu überblicken. Jedes davon für sich genommen müsste eigentlich zu Konsequenzen führen.
Begünstigungen und fragwürdige Geldflüsse
Bereits 2025 berichteten Medien wie Saarbrücker Zeitung und der SR, der Skandal ziehe weitere Kreise – darunter auch eine illegale Parteispende anlässlich eines SPD-Festes, das als Wahlkampfplattform für den SPD-Generalsekretär und SPD-Bundestagsabgeordneten Esra Limbacher genutzt wurde, persönlicher Vorteilsnahme sowie weitere Vorgänge, die die Nähe zwischen NVG-Strukturen und SPD-Umfeld betreffen sollen.
Und zuletzt heißt es aus Medienberichten nach einer Sondersitzung des Aufsichtsrats: Das „wahre Ausmaß“ sei womöglich noch nicht absehbar, Vorwürfe gingen deutlich weiter als bisher bekannt.
Politischer Punkt: Wenn ein kommunales Unternehmen der Daseinsvorsorge in diesem Umfang unter Verdacht gerät, geht es nicht um Parteitaktik. Es geht um Vertrauen – und um Steuergeld bzw. kommunale Mittel, die Bürgerinnen und Bürger erwirtschaften.
Neue Entwicklung: Sponsoringvertrag wirft neue Fragen zur Rolle Aumanns auf
Die jüngste Berichterstattung des Saarländischen Rundfunks bringt nun noch einmal eine neue Qualität in die NVG-Affäre: Nach Angaben des SR liegt ein konkreter Sponsoringvertrag vor, der Zweifel an bisherigen Aussagen von Oberbürgermeister Jörg Aumann im Zusammenhang mit NVG-Sponsoringgeldern aufkommen lässt.
Im Mittelpunkt steht die finanzielle Unterstützung des Günter-Rohrbach-Filmpreises durch die NVG. Der Vertrag wirft Fragen auf,
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wie solche Sponsoringentscheidungen zustande kamen,
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wer sie politisch verantwortet hat
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und ob dabei die notwendigen Kontroll- und Genehmigungsstrukturen eingehalten wurden.
Zusätzlich wird in der aktuellen SR-Berichterstattung deutlich, dass es bei der NVG offenbar keine ausreichenden schriftlichen Regelungen oder nachvollziehbaren Dokumentationen für einzelne Sponsoringleistungen gab und Transparenz sowie Kontrolle unzureichend gewesen sein könnten.
Politische Einordnung: Warum dieser neue Komplex die Lage verschärft
Dieser neue Sachverhalt ist politisch von besonderer Bedeutung – aus drei Gründen:
1. Es geht nicht mehr nur um interne Vorgänge – sondern um Außenwirkung
Sponsoring von Kulturveranstaltungen ist kein internes Thema eines Verkehrsbetriebs. Es wirkt in die Öffentlichkeit hinein und beeinflusst die kommunale Kulturlandschaft.
Wenn hier Unklarheiten oder mangelnde Dokumentation bestehen, betrifft das nicht nur die NVG – sondern das gesamte Vertrauen in die Verwendung öffentlicher Mittel.
2. Der Verdacht politischer Einflussnahme steht im Raum
Wenn ein Oberbürgermeister in einem kommunalen Unternehmen zugleich in zentraler Verantwortung steht und gleichzeitig Veranstaltungen politisch relevant unterstützt werden, dann entsteht zwangsläufig die Frage:
Wurde hier sauber zwischen Amt, Partei und persönlicher Nähe getrennt?
Allein dieser Eindruck ist politisch hoch problematisch – selbst wenn sich einzelne Vorwürfe am Ende relativieren sollten.
3. Widersprüche bei öffentlichen Aussagen beschädigen Vertrauen nachhaltig
Besonders schwer wiegt der Umstand, dass der nun bekannt gewordene Vertrag Zweifel an bisherigen Darstellungen weckt.
Politische Führung lebt von Glaubwürdigkeit. Wenn neue Dokumente bestehende Aussagen infrage stellen, ist das Vertrauen beschädigt – und zwar unabhängig von der späteren juristischen Bewertung.
Der NVG-Skandal ist kein isolierter Vorgang, sondern ein Geflecht aus finanziellen, strukturellen und politischen Verantwortlichkeiten.
Und er zeigt vor allem eines:
👉 Die Affäre entwickelt sich weiter – und mit jeder neuen Enthüllung wird deutlicher, dass es sich um ein strukturelles Problem politischer Kultur handelt.
Deshalb gilt umso mehr:
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Ein Oberbürgermeister, dessen Aussagen durch neue Dokumente infrage gestellt werden, kann die notwendige Aufklärung nicht glaubwürdig selbst moderieren.
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Wer politisch Verantwortung trägt, muss die Integrität des Amtes über das eigene Amt stellen.
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Und die SPD-Landesspitze kann sich nicht länger darauf zurückziehen, dass es sich um ein lokales Problem handelt.
Warum Oberbürgermeister Aumann politisch nicht im Amt „einfach weitermachen“ kann
Ich formuliere es so klar wie nötig:
Verantwortung ist nicht nur strafrechtlich – sie ist politisch!
Selbst wenn am Ende juristisch nicht jede Behauptung standhalten würde, bleibt eine Frage zwingend:
Wie konnte das unter den Augen der Stadtspitze und der Spitzenvertreter in den zuständigen Gremien passieren – über Jahre?
Politische Verantwortung ist nicht erst dann fällig, wenn ein Gericht urteilt. Sie beginnt dort, wo Aufsicht und Kontrolle offenkundig versagen, Herr Oberbürgermeister!
Der ganze NVG-Komplex ist seit Monaten immer weiter gewachsen und hat sich zu einem Skandal ausgeweitet, der nicht nur in seinen Dimensionen im Saarland einzigartig sein dürfte, sondern längst nicht mehr nur in die kommunale Politik vor Ort in Neunkirchen hineinwirkt.
Wenn nun der Oberbürgermeister sagt, er sehe keinen Grund zu gehen (wie heute berichtet), dann wird das in der Bevölkerung nicht als „Standfestigkeit“ gelesen – sondern als Abschirmung.
Parteiämter niederlegen reicht längst nicht mehr
Aumann hat Parteiämter abgegeben; das ist richtig. Aber das reicht nicht, weil das Problem nicht „nur“ parteiintern ist. Das Problem ist der Schaden für die Institutionen: Rathaus, Aufsicht, kommunale Unternehmen.
Wer angeblich als OB politisch für Ordnung, Transparenz und saubere Verwaltung steht, muss im Zweifel auch bereit sein zu sagen:
„Damit aufgeklärt werden kann, ohne jeden Schatten – ziehe ich die Konsequenz.“
Warum auch weitere Akteure Konsequenzen ziehen müssen (nicht als Vorverurteilung, sondern als Hygieneregel der Demokratie)
Schon früh wurde deutlich, dass im Fokus der Debatte nicht nur der OB steht, sondern auch andere Personen und Strukturen im SPD-Umfeld und eben auch nicht zuletzt wegen des längst erhärteten Verdachts illegaler Parteispenden an ebendiese SPD.
Das führt zu einem simplen Grundsatz:
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Wer in zentraler Rolle Teil des Systems war (Aufsicht, Verantwortung, Entscheidung, Geldflüsse, Begünstigungen), darf die Aufklärung nicht gleichzeitig politisch moderieren oder sich als „Aufklärer“ inszenieren.
Aufklärung braucht Distanz. Distanz entsteht durch Konsequenzen.
Warum der Skandal politisch längst auch die SPD-Landesvorsitzende Anke Rehlinger erreicht hat
Ich unterstelle ausdrücklich nicht, dass Anke Rehlinger konkrete Vorgänge kannte. Das wäre mehr als spekulativ. Aber politisch ist die Lage trotzdem eindeutig. Aber Rehlinger ist nicht irgendjemand: Sie ist seit 2018 die SPD-Landesvorsitzende und seit 2022 Ministerpräsidentin.
Das bedeutet: Sie steht für die politische Kultur dieser Landespartei – und für den Anspruch, wie man mit Macht umgeht.
Wenn ein Skandal „immer größere Kreise zieht“, ist Schweigen keine Option
Genau das aber tut Rehlinger: Sie duckt sich weg, eine klare öffentlich Stellungnahme der SPD-Landesspitze zu den Vorgängen in Neunkirchen.
Sie lässt ganz grundlegende Fragen offen:
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Was wird intern getan?
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Welche Standards gelten denn überhaupt noch in dieser saarländischen SPD?
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Und welche Konsequenzen sind in ihren Augen als Landesvorsitzende zwingend?
Der Kernschaden ist Vertrauensverlust – und der ist politisch nachhaltig
Wenn in der Öffentlichkeit das Bild entsteht, die SPD schütze Funktionsträger, relativiere Vorgänge oder lasse zu, dass Betroffene im Amt bleiben, dann entsteht ein Schaden, der nicht mit einer Pressekonferenz repariert wird:
Der Eindruck einer Doppelmoral.
Und genau dieser Eindruck ist es, der die Landesvorsitzende erreicht: nicht als juristische Mitverantwortung – sondern als Führungsverantwortung.
Politische Schlussfolgerung: Rehlingers SPD ist durch den NVG-Komplex nachhaltig beschädigt, weil die Affäre das zentrale Versprechen demokratischer Verwaltung angreift: Sauberkeit, Kontrolle, Trennung von Amt und Parteinutzen.
Was jetzt passieren muss – damit Neunkirchen und das Saarland wieder Vertrauen gewinnen
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Persönliche Konsequenzen:
Der Oberbürgermeister muss den Weg freimachen, damit Aufklärung ohne jeden Verdacht von Einflussnahme möglich ist. -
Unabhängige Aufklärung mit klarer Berichtspflicht:
Nicht nur intern „prüfen“, sondern transparent berichten – mit Zeitplan, Maßnahmen, Ergebnissen. -
Rückforderung und Schadensbegrenzung:
Wo Mittel unzulässig geflossen sein könnten, müssen Ansprüche gesichert und konsequent verfolgt werden. -
Endlich klare Linie der SPD-Landesspitze:
Statt empörter Rhetorik eines überforderten Fraktionsvorsitzenden im Landtag und einer schweigenden, sich wegduckenden Landesvorsitzenden erwarten die Menschen im Saarlandzu recht Entscheidungen und klare Worte Standards in der SPD, zu Konsequenzen und zu personeller Hygiene in dieser alleinregierenden Partei im Saarland.
Fazit
Der NVG-Komplex ist nicht - wie beispielsweise der Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag es herunterzuspielen versucht - „nur“ eine kommunale Affäre.
Längst nicht mehr. Er ist ein Stresstest für demokratische Verantwortung im Saarland.
Und wer heute sagt „kein Grund zurückzutreten“, sagt in der Wahrnehmung vieler Bürgerinnen und Bürger: „Wir machen weiter wie bisher.“
Genau das darf nicht die Antwort sein.










