Gestern Abend war ich zu Gast beim Parlamentarischen Abend der VDV-Landesgruppe Südwest in der Saarbrücker Congresshalle. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie der öffentliche Personennahverkehr in Deutschland und insbesondere im Saarland zukunftsfest gemacht werden kann. Ich durfte dazu auf dem Podium mitdiskutieren – gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Landesregierung, Kommunen, Verkehrsbranche und Fahrgastverbänden.
Der Abend hat eines sehr deutlich gezeigt: Der ÖPNV ist längst nicht mehr nur eine verkehrspolitische Fachfrage. Er ist eine Frage der Daseinsvorsorge, der sozialen Teilhabe, der wirtschaftlichen Entwicklung und der Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Gerade im ländlichen Raum entscheidet ein gutes Angebot darüber, ob Menschen ohne eigenes Auto selbstbestimmt mobil bleiben können – ob Jugendliche zur Ausbildung kommen, Seniorinnen und Senioren Arzttermine erreichen, Beschäftigte zuverlässig zur Arbeit fahren und Familien echte Alternativen zum Zweit- oder Drittwagen haben.
Das vom VDV vorgestellte Leistungskostengutachten für das Saarland macht dabei deutlich: Ein „Weiter so“ wird nicht reichen. Schon heute stehen Verkehrsunternehmen unter erheblichem Druck. Steigende Kosten für Personal, Energie, Fahrzeuge und Infrastruktur treffen auf sinkende oder zumindest politisch stark beeinflusste Fahrgelderlöse. Gleichzeitig erwarten die Menschen zu Recht mehr Verlässlichkeit, dichtere Takte, bessere Anschlüsse und moderne Fahrzeuge. Das Gutachten beschreibt zwei Entwicklungspfade: eine Modernisierung des bestehenden Systems und ein deutlich ambitionierteres „Deutschlandangebot 2040“ mit besseren Takten, mehr Angeboten und einer stärkeren Erschließung auch unserer ländlichen Räume.
Besonders wichtig ist für das Saarland die Erkenntnis: Der Bus spielt bei uns eine herausragende Rolle. Laut Gutachten entfielen 2024 rund 50 Prozent der ÖPNV-Nachfrage im Saarland auf die Sparte Bus – deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt. Genau deshalb dürfen wir nicht nur über große Schienenprojekte wie die zügige Reaktivierung von Bahnstrecken und die von uns als CDU-Landtagsfraktion zu Recht geforderte und dringend notwendige Luxemburg-Verbindung sprechen, so wichtig sie sind.
Wir müssen auch über Linienbusse, Rufbusse, On-Demand-Angebote, Anschlüsse an Bahnhöfe und verlässliche Verbindungen zwischen Ortsteilen, Schulstandorten, Arbeitsplätzen, Arztpraxen und Innenstädten sprechen.
Meine klare Haltung ist: Akzeptanz für den ÖPNV wächst nicht durch Appelle und auch nicht durch Bevormundung. Sie wächst durch ein Angebot, das im Alltag funktioniert. Ein günstiges Ticket ist gut. Aber ein günstiges Ticket hilft wenig, wenn morgens kein Bus fährt, abends keine Verbindung mehr besteht oder der Anschluss am Bahnhof regelmäßig verpasst wird. Deshalb brauchen wir im Saarland eine Verkehrspolitik, die Angebote schafft statt Menschen zu erziehen.
Dazu gehört aus meiner Sicht vor allem eine neue Finanzierungslogik. Verkehrsunternehmen können nicht jedes Jahr aufs Neue im Ungewissen planen oder sich auf eine 3-Jahres-Förderung verlassen müssen, ohne zu wissen, wie es anschließend weitergeht.
Wer Fahrzeuge beschaffen, Personal gewinnen, Werkstätten modernisieren, Takte ausweiten oder digitale Angebote aufbauen soll, braucht Verlässlichkeit. Deshalb habe ich in der Diskussion die Idee eines saarländischen ÖPNV-Landesfonds eingebracht.
Ein solcher Fonds sollte nicht nur kurzfristig angelegt sein, sondern über mindestens fünf Jahre, besser noch über zehn Jahre laufen. Nur so entsteht echte Planungssicherheit. Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger müssen wissen, worauf sie sich verlassen können. Denn ein moderner ÖPNV entsteht nicht durch Jahresprogramme, sondern durch langfristige Investitionen, klare Ziele und verbindliche Zusagen.
Dieser Landesfonds könnte aus mehreren Quellen gespeist werden: aus originären Landesmitteln, aus bestehenden ÖPNV-Mitteln, aus Bundesprogrammen und – wo rechtlich möglich – auch aus Klimamitteln des Bundes. Denn wer ernsthaft Klimaschutz im Verkehr will, muss dort investieren, wo im Alltag tatsächlich CO₂ eingespart werden kann: in verlässliche Bus- und Bahnangebote, bessere Anschlüsse, moderne Fahrzeuge und attraktive Alternativen zum Auto.
Wichtig ist aber auch: Geld allein reicht nicht. Ein solcher Fonds muss an klare Qualitätsmerkmale gekoppelt werden. Es darf nicht nur darum gehen, Mittel zu verteilen. Es muss darum gehen, konkrete Verbesserungen für die Menschen zu erreichen. Denkbar wären zum Beispiel Kriterien wie dichtere Takte, höhere Pünktlichkeit, bessere Anschlusssicherung, mehr Abend- und Wochenendverbindungen, barrierefreie Haltestellen, digitale Echtzeitinformationen, verlässliche Schüler- und Pendlerverkehre sowie besondere Verbesserungen im ländlichen Raum.
Das wäre eine ehrliche und nachvollziehbare Förderlogik: Wer bessere Qualität liefert und echte Angebotsverbesserungen schafft, erhält verlässliche Unterstützung. So entsteht kein Fass ohne Boden, sondern ein gesteuertes Instrument für bessere Mobilität.
Das VDV-Gutachten zeigt auch die finanzielle Dimension sehr deutlich. Für das Szenario „Modernisierung 2040“ steigt der öffentliche Finanzierungsbedarf im Saarland von 257,8 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 453,4 Millionen Euro im Jahr 2040. Für das ambitioniertere Szenario „Deutschlandangebot 2040“ steigt der Bedarf sogar auf 835,5 Millionen Euro im Jahr 2040. Das sind große Zahlen. Aber sie machen vor allem eines klar: Wer besseren ÖPNV will, muss ehrlich sagen, wie er ihn dauerhaft finanzieren will.
Dabei muss auch die Branche ihren Beitrag leisten. Standardisierung, gemeinsame Beschaffung, Digitalisierung, effizientere Abläufe und moderne Betriebsstrukturen können helfen, Kosten zu begrenzen und Qualität zu verbessern. Auch das wurde beim Parlamentarischen Abend angesprochen. Aber genauso klar ist: Ohne langfristig gesicherte öffentliche Finanzierung wird der notwendige Ausbau nicht gelingen.
Für mich ist deshalb entscheidend: Wir brauchen im Saarland ein klares Zielbild. Wie soll der ÖPNV 2030, 2035 und 2040 aussehen? Welche Mindeststandards gelten für ländliche Räume? Welche Anschlüsse werden garantiert? Wo brauchen wir dichtere Takte? Wo sind On-Demand-Angebote sinnvoll? Wo müssen Bus und Bahn besser verzahnt werden? Und wie verhindern wir, dass die Finanzierung an den Kommunen hängen bleibt, die ohnehin schon unter enormem Druck stehen?
Der ÖPNV der Zukunft darf kein Gegensatz zwischen Stadt und Land sein. Er muss beides können: starke Achsen zwischen den Zentren und verlässliche Angebote in der Fläche. Gerade für das Saarland mit seinen vielen Ortsteilen, Pendlerströmen und grenzüberschreitenden Verflechtungen ist das eine zentrale Zukunftsfrage.
Mein Fazit nach dem Parlamentarischen Abend ist klar: Das Saarland braucht keinen ÖPNV nach Kassenlage, sondern einen ÖPNV mit Plan, Qualität und Verlässlichkeit. Ein langfristiger Landesfonds könnte dafür ein wichtiger Baustein sein – verbunden mit klaren Qualitätszielen, fairer Finanzierung und besonderem Blick auf den ländlichen Raum.
Denn am Ende zählt nicht, wie schön ein Konzept klingt. Am Ende zählt, ob der Bus kommt, ob der Anschluss klappt und ob die Menschen ihrem ÖPNV wieder vertrauen können.
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