Warum ich dem ständigen Gerede von der „gespaltenen Gesellschaft“ widerspreche – und weshalb Streit, Vielfalt und Widerspruch zu einer lebendigen Demokratie gehören.
Es gibt Sätze, die werden so häufig wiederholt, dass man irgendwann kaum noch über ihren eigentlichen Inhalt nachdenkt. Einer davon lautet: „Unsere Gesellschaft ist gespalten.“ Fast immer folgt unmittelbar die Forderung, wir müssten dieser Spaltung entgegenwirken, die Gräben überwinden und die Gesellschaft wieder zusammenführen.
Ich halte bereits diese Art, über unsere Gesellschaft zu sprechen, für ausgesprochen problematisch.
Denn was genau soll das eigentlich bedeuten? Wann ist eine Gesellschaft gespalten? Wer legt fest, wie viel Unterschiedlichkeit sie verträgt? Und vor allem: War eine freie Gesellschaft jemals dadurch gekennzeichnet, dass alle Menschen dieselben Ansichten, Überzeugungen und Lebensvorstellungen teilen?
Ich meine: Nein.
Unterschiedlichkeit ist kein gesellschaftlicher Schaden
Der eine lebt auf dem Land, die andere in der Großstadt. Einer ist tief religiös, ein anderer überzeugter Atheist. Manche Menschen wollen Traditionen bewahren, andere möglichst vieles verändern. Der eine legt großen Wert auf Sicherheit und Beständigkeit, die andere auf Wandel und neue Möglichkeiten.
Menschen haben unterschiedliche familiäre Hintergründe, Bildungswege, wirtschaftliche Möglichkeiten, Lebenserfahrungen und Zukunftsvorstellungen.
Sie beurteilen politische Entscheidungen unterschiedlich, setzen andere Prioritäten und kommen selbst bei gleicher Faktenlage nicht zwangsläufig zu denselben Schlussfolgerungen.
All das ist weder ungewöhnlich noch bedauerlich. Es ist Ausdruck einer freien, vielfältigen Gesellschaft.
Und mehr noch: Es gehört zum Wesen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Unser Grundgesetz garantiert die Freiheit der Meinung, des Glaubens, des Gewissens und die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Nicht, weil alle Menschen gleich denken sollen, sondern gerade weil sie es nicht tun.
Eine Demokratie ist schließlich kein Harmonieverein.
Sie lebt davon, dass unterschiedliche Interessen sichtbar werden, dass Positionen miteinander konkurrieren, dass Mehrheiten gewonnen und politische Entscheidungen auch wieder infrage gestellt werden können.
Eine Gesellschaft, in der niemand mehr widerspricht, wäre deshalb keineswegs automatisch eine besonders geeinte Gesellschaft. Es könnte ebenso eine Gesellschaft sein, in der Menschen ihre Überzeugungen nicht mehr offen äußern dürfen oder wollen.
Das kann niemand ernsthaft erstrebenswert finden.
Wer ständig von Spaltung spricht, verändert den Blick auf unsere Gesellschaft
Natürlich kann eine Gesellschaft tatsächlich auseinanderdriften. Menschen können sich voneinander entfremden, gegenseitiges Vertrauen verlieren und einander zunehmend als Gegner oder gar Feinde betrachten.
Aber das ist etwas grundsätzlich anderes als die bloße Existenz unterschiedlicher Meinungen.
Der Begriff der „gespaltenen Gesellschaft“ zeichnet das Bild eines Gemeinwesens, das gewissermaßen auseinandergebrochen ist und nun wieder zusammengefügt werden müsste.
Damit verbindet sich zumindest unterschwellig die Vorstellung, gesellschaftliche Einigkeit sei der Normalzustand und Meinungsverschiedenheiten seien eine Störung dieses Zustands.
Ich halte das für ein falsches Verständnis von Demokratie.
Denn eine Gesellschaft besteht nicht aus zwei sauber voneinander getrennten Lagern. Wir Menschen sind viel widersprüchlicher und vielseitiger.
Jemand kann wirtschaftspolitisch konservativ denken und gesellschaftspolitisch liberal sein. Man kann sich für konsequenten Umweltschutz einsetzen und zugleich bestimmte klimapolitische Maßnahmen ablehnen. Man kann Zuwanderung grundsätzlich befürworten und gleichzeitig eine strengere Steuerung verlangen.
Die Wirklichkeit ist komplizierter als die Einteilung in „wir“ und „die anderen“.
Gerade deshalb sollten wir mit Begriffen vorsichtig sein, die diese Vielfalt auf vermeintlich unversöhnliche Gegensätze reduzieren.
Selbst die Wissenschaft zeichnet ein differenzierteres Bild
Bemerkenswerterweise wird die weitverbreitete Vorstellung einer umfassend gespaltenen deutschen Gesellschaft auch durch die sozialwissenschaftliche Forschung keineswegs eindeutig bestätigt.
Die Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrem 2023 erschienenen Buch „Triggerpunkte“ untersucht, wie stark sich gesellschaftliche Konfliktlinien tatsächlich verfestigt haben. Ihre Ergebnisse sprechen gegen das pauschale Bild zweier großer, unversöhnlicher gesellschaftlicher Lager.
Untersuchungen der Freien Universität Berlin kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die tatsächlichen politischen Einstellungen häufig wesentlich weniger polarisiert sind, als öffentliche Debatten vermuten lassen.
Andere Studien, etwa das Polarisierungsbarometer der Technischen Universität Dresden aus dem Jahr 2025, weisen durchaus deutliche Gegensätze bei einzelnen Themen nach. Sie unterscheiden aber ausdrücklich zwischen inhaltlicher Meinungsverschiedenheit und der emotionalen Ablehnung Andersdenkender.
Genau diese Unterscheidung erscheint mir entscheidend.
Auch die Bertelsmann Stiftung stellte im Herbst 2026 fest, dass sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland nach einem früheren Rückgang teilweise wieder verbessert hat. Gleichzeitig bestehen erhebliche Defizite beim Gerechtigkeitsempfinden und beim Vertrauen in staatliche Institutionen.
Unsere Gesellschaft hat also zweifellos Probleme. Aber die pauschale Diagnose einer angeblich gespaltenen Gesellschaft beschreibt diese Probleme nicht ausreichend präzise.
Demokratie braucht Widerspruch – auch unbequemen!
Besonders bedenklich wird die Spaltungsrhetorik für mich dann, wenn sie dazu benutzt wird, legitime Kritik oder politische Meinungsverschiedenheiten moralisch abzuwerten.
Wer deutlich widerspricht, wird schnell als jemand wahrgenommen, der den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde. Wer politische Fehlentwicklungen scharf kritisiert, muss sich gelegentlich anhören, er trage zur Spaltung bei.
Aber seit wann ist Widerspruch ein Problem für die Demokratie?
Gerade in einem parlamentarischen System gehört es zu den Aufgaben der Opposition, Regierungshandeln zu hinterfragen, Alternativen aufzuzeigen und auch unbequeme Fragen zu stellen.
Eine Opposition, die aus Sorge um die gesellschaftliche Harmonie auf klare Kritik verzichtet, würde ihren demokratischen Auftrag verfehlen.
Das gilt selbstverständlich nicht nur für Parlamente.
Auch Bürgerinitiativen, Gewerkschaften, Unternehmerverbände, Kirchen, Umweltorganisationen oder einzelne Bürger müssen das Recht haben, ihre Interessen offensiv zu vertreten.
Sie müssen sich nicht dafür entschuldigen, dass andere Menschen ihre Ansichten nicht teilen.
Es gibt kein demokratisches Grundrecht darauf, von Widerspruch verschont zu bleiben.
Ebenso wenig besteht eine demokratische Pflicht, gesellschaftliche Harmonie dadurch herzustellen, dass man seine eigene Überzeugung zurückstellt.
Zusammenhalt bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein
Was hält unsere Gesellschaft denn tatsächlich zusammen?
Meiner Überzeugung nach ist es nicht die Übereinstimmung in möglichst vielen politischen Sachfragen.
Es ist vielmehr eine gemeinsame Grundlage, auf der wir unsere Unterschiede austragen können.
Die Anerkennung der Menschenwürde. Die Gleichheit vor dem Gesetz. Die Freiheit des Einzelnen. Demokratische Wahlen. Unabhängige Gerichte. Die Gewaltenteilung. Und die Bereitschaft, politische Konflikte friedlich und nach rechtsstaatlichen Regeln auszutragen.
Das sind die Fundamente unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Auf dieser Grundlage dürfen wir leidenschaftlich streiten. Über Migration und Integration, über Klimaschutz, wirtschaftliche Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Landwirtschaft, Verkehr oder die Zukunft unseres Gesundheitssystems.
Auch darüber, welchen Weg unser Land in den kommenden Jahren einschlagen soll.
Niemand muss anschließend seine Überzeugungen aufgeben, nur weil sich eine andere Position demokratisch durchgesetzt hat.
Der Respekt vor demokratischen Entscheidungen und das Recht, weiterhin anderer Meinung zu sein, gehören untrennbar zusammen.
Demokratischer Zusammenhalt bedeutet nicht, dass wir immer einig sind. Er bedeutet, dass wir auch dann zusammengehören, wenn wir uneinig bleiben.
Wo tatsächlich Grenzen verlaufen
Das alles bedeutet allerdings nicht, dass ich reale Gefahren für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt kleinreden möchte.
Wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Lebensweise ausgegrenzt werden, wenn Gewalt politische Auseinandersetzungen ersetzt oder Andersdenkende systematisch verächtlich gemacht werden, dann haben wir ein ernstes Problem.
Ebenso, wenn Menschen dauerhaft von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind, wirtschaftliche Perspektiven verlieren oder das Vertrauen in demokratische Institutionen schwindet.
Solche Entwicklungen verdienen konkrete politische Antworten.
Aber ihnen begegnet man nicht dadurch, dass man jede scharfe Kontroverse bereits als Symptom einer gesellschaftlichen Spaltung betrachtet.
Vielmehr braucht es faire Lebenschancen, leistungsfähige staatliche Institutionen, politische Beteiligungsmöglichkeiten und eine Gesprächskultur, in der Menschen auch mit gegensätzlichen Positionen respektvoll miteinander umgehen können.
Und eines ist mir wichtig: Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jede Meinung richtig oder jede Äußerung unwidersprochen hinzunehmen wäre. Sie rechtfertigt weder Gewalt noch die Verletzung der Rechte anderer.
Gerade eine freiheitliche Demokratie muss ihre grundlegenden Werte schützen.
Wir brauchen nicht weniger Vielfalt, sondern mehr Gelassenheit im Umgang mit ihr
Vielleicht sollten wir also die Frage verändern.
Statt ständig zu fragen, wie wir eine angeblich gespaltene Gesellschaft wieder vereinen können, sollten wir uns fragen:
Wie schaffen wir es, trotz unterschiedlicher Überzeugungen respektvoll zusammenzuleben?
Wie können wir wieder besser zuhören, ohne gleich zustimmen zu müssen?
Wie sorgen wir dafür, dass sich Menschen mit ihren Sorgen und Interessen ernst genommen fühlen, auch wenn sie mit ihrer Meinung nicht zur Mehrheit gehören?
Und wie verhindern wir, dass aus legitimen politischen Gegnern persönliche Feinde werden?
Das sind für mich die entscheidenden Fragen.
Als Politiker wünsche ich mir ausdrücklich eine Gesellschaft, in der Menschen selbstbewusst ihre Meinung vertreten, Entscheidungen hinterfragen, sich engagieren und auch leidenschaftlich miteinander diskutieren.
Denn Gleichgültigkeit und politische Sprachlosigkeit wären für unsere Demokratie kaum ein Gewinn.
Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der alle Menschen gleich denken, gleich sprechen und dieselben Vorstellungen vom richtigen Leben haben.
Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die Unterschiedlichkeit zulässt, ohne darüber ihren gemeinsamen demokratischen Kompass zu verlieren.
Deshalb sollten wir endlich aufhören, jede Meinungsverschiedenheit als Beleg einer gesellschaftlichen Spaltung zu betrachten.
Nicht die Vielfalt unserer Überzeugungen ist das Problem. Problematisch wird es erst, wenn wir diese Vielfalt nicht mehr respektieren.
Oder anders ausgedrückt:
Unsere Demokratie muss nicht darüber einig sein, was alle denken sollen. Sie muss darüber einig sein, dass alle frei denken dürfen.
Alwin Theobald
